Interview mit Joe

Ein karg eingerichtetes Zimmer im Hause Pilates. An den Wänden hängen gerahmte Schwarzweiß-Fotos von Joe mit Prominenten oder beim Training, alte Anatomie-Zeichnungen und Skizzen. Es ist kühl im Raum. Auf dem Couchtisch stehen ein Glas Whiskey, Eine Karaffe und zwei Gläser mit Wasser, Kaffee. Ein Aschenbecher. Joseph Pilates sitzt schon auf dem Sofa, seine Frau Clara bietet mir einen Stuhl an und setzt sich zu ihrem Mann.

 

Herr Pilates, vielen herzlichen Dank, dass Sie sich ein wenig Zeit für uns genommen haben….

(fällt ins Wort) Ja ja, schon gut. Fangse einfach an, Liebelein. Aber schaunse erst mal, wie Sie dasitzen! Beine übereinander, Rücken rund, nach vorne jebeugt (er springt auf, positioniert meine Beine, drückt mir die Schultern nach Hinten, schiebt die Rippen zusammen, testet, ob mein Bauch angespannt ist, dann setzt er sich wieder hin).
Eine königliche Haltung ist heute nicht mehr „in“, wat? Stattdessen wird gelümmelt und geschlurft. Die Damen stehen auf einem Bein, Hüfte raus – gut, sieht schon sexy aus. Männer stehen breitbeinig da, Hände in den Hosentaschen bauch raus, soll lässig sein. Aber sie alle ruinieren ihre Gesundheit! Wie sitzen Sie an der Schreibmaschine – oder wie man heute sagt: am Computer? Hach, und vor diesen kleinen Telefonen – Bauch locker, Rücken rund, Schultern nach vorne, oder? Eingesunken! Kein Wunder, dass es alle Leute am Rücken haben. Setzen Sie sich weit nach hinten, Wirbelsäule aufrecht, Füße flach auf den Boden, Knie im rechten Winkel. Und dann: Bauch rein! Und halten, solange Sie können.

 

Ja, gut. Nun… Was würden Sie jemandem empfehlen, der nicht zweimal in der Woche Pilates trainieren kann?

(Joe atmet tief durch, nimmt einen Schluck aus seinem Whiskeyglas, dann steht er auf und holt sich eine Zigarre aus dem Schrank).
Hörnse mal, meine Schüler kamen dreimma inna Woche oder jarnisch. Man muss schon Einsatz zeigen, wenn man gesund bleiben will. Das ist Lebensstil, den kann man nicht alle vier Wochen mal kurz pflegen. Aber von mir aus: Ebenso wichtig wie korrigierende Übungen sind die Gewohnheiten – wie man geht, atmet, sitzt. Wenn Sie die Straße entlang gehen, schauen Sie gerne in die Schaufenster, oder?

 

Nun ja…

Gut, machen Sie weiter damit. Aber nicht, um auszuprobieren, wie lange Sie widerstehen können – das schaffense sowieso nich lange (er grinst Clara an, amüsiert sich selbst über seinen Witz). Nein, im Ernst: Überprüfen Sie Ihre Haltung, von einem Schaufenster zum nächsten. Korrigieren Sie bei jedem Fenster Ihre Haltung – Bauch rein und halten. Zählen Sie die Sekunden. Das schaffen Sie am Anfang nicht lange. Aber Ihre Muskeln werden stärker und irgendwann ist „aufrecht stehen“ eine Gewohnheit. Manche Dinge sind so einfach! Wer hundert Mal am Tag den Bauch einzieht, der tut schon viel für seine Haltung, Rumpfmuskulatur und Gesundheit. Besser ist aber mein Trainingsprogramm.

 

Wie Sie vorhin erwähnt haben, haben Sie die Wirkungen Ihre Trainings am eigenen Körper erfahren…

Herrgott ja. Als Kind war ich mager und schwächlich, ich war ständig krank, hatte Asthma. Hätte ich mich damals nicht am Riemen gerissen und meinen Körper trainiert, wäre ich vermutlich mit 20 gestorben. Ich hatte also zweit Möglichkeiten: mich aufgeben und mein Leben lang dahinsiechen – oder etwas tun. Ich bekam ein Anatomiebuch geschenkt, das eröffnete mir eine neue Welt! Ich lernte jede Seite auswendig, jeden Teil des Körpers; ich bewegte mich und probierte alles aus. Dann begann ich, wirklich zu trainieren. Und schauen Sie mich heute an! SOÖ muss ein Mann aussehen, oder? Was glauben Sie, warum ich bald so weit war, dass ich für Anatomiezeichnungen Modell stand? Vom reinen Lesen kam das bestimmt nicht.

 

Aber bis Sie ihr eigenes Studio hatten dauerte es noch eine Weile…

Verdammt, ja, das hat es. Zuerst war ich zusammen mit meinem Bruder Zirkusartist in England – mein Gott war das ein Affenzirkus – als römische Gladiatoren traten wir auf. Dann wurde ich im 1. Weltkrieg interniert, war in Gefangenschaft. Aber auch da habe ich in nicht Trübsal geblasen. Ich habe meine Mitgefangenen trainiert – und was ist passiert: Sie kamen gesünder und kräftiger aus der Internierung als sie vorher waren! Das ist wohl kaum der erstklassigen Unterbringung zu verdanken gewesen. Ich habe die Zeit dort genutzt, um mein Mattentraining zu entwickeln.

 

Genau, Geräte hatten Sie dort ja keine zur Verfügung….

Lassense mich ausreden, meine Liebe! Auf der Isle of Man, wo ich danach als Krankenpfleger arbeitete, da hab ich’s den Ärzten gezeigt! Sie wollten den Verletzten Bettruhe verordnen. Sie sagten mir, ich dürfte sie nur trainieren, wenn sie dabei im Bett blieben und dachten wohl, da geht sowieso nicht viel. Ha! Mit den Federn der Krankenhausbetten lässt sich wunderbar trainieren. Da haben die Ärzte dumm geschaut! Mal ehrlich: Kam jemals jemand darauf aus Krankenhausbetten Trainingsgeräte zu machen? Nein! Ich hab‘s getan! Später in Deutschland ging das weiter. Bis 1925 trainierte ich rheumatische Patienten. Ich dachte mir, warum soll ichständig meine eigenen Kraft verplempern und mir vielleicht noch den Rücken ruinieren. Also baute ich Geräte, die das für mich machten. Aus zerschnittenen Bierfässern wurden „Barrel“ , aus den Eisenringen „Circles“ und so weiter. Ich habe ich immer mit den Gegebenheiten arrangiert – in den Kriegszeiten gab es ja nichts und Geld sowieso nicht – und aus Kleinigkeiten etwas Großes gemacht! Das soll mir erst mal einer nachmachen! Nicht wahr, Clara? (Clara sitzt still daneben und nicht brav)

 

Nun, mit nachhaltigem Erfolg, denn Ihre Methode wird bis heute gelehrt. Was sagen Sie denn dazu, dass es so viele Richtungen gibt und die Trainier immer wieder darüber diskutieren, wer die originalste Pilates-Methode lehrt?

Ach, erinnern Sie mich nicht daran!! Der Original-Pilates bin nur ich, so viel ist klar. Also Original-Pilates ist gar nichts, nur meins. Ich nannte meine Methode damals außerdem Contrology. Das sagt doch viel mehr aus, worum es geht, als mein Name! Es get doch nicht nur um ein paar korrigierende Übungen, die ich, Herr Pilates, mir ausgedacht habe – sondern vielmehr darum, dass der Geist den Körper kontrolliert. Von Achtsamkeit würden Sie heute vermutlich sprechen. Es geht um Aufmerksamkeit, Konzentration, Kontrolle, Kraft! Und was ist heute daraus geworden? Frauen-Wellness, Wohlfühl-TumalwasfürDich-Training, bei dem die Damen gleich jammern, wenn mal was anstrengend ist. Kein Wunder, dass kein Mann sich in eine Pilates-Studio traut, wenn das Bild so verweichlicht ist. Früher trainierten Jonny Weismüller und May Schmeling bei mir. Tarzan, Boxer!

 

Aber auch viele Tänzer…

Ja, was konnte ich denn dafür, dass plötzlich all die Tänzer aufgetaucht sind? Die haben‘s eben auch kapiert. Sie schweben anmutig über die Bühne – aber sie sind immer wieder verletzt. Warum kann ihr Körper die Erfordernisse ihres Berufes nicht aushalten, obwohl sie täglich mehrere Stunden trainieren? Weil Sie kein ordentliches, knallhartes Rumpftraining machen. Darum haben sie mir die Bude eingerannt, damals in New York! All die großen Stars! Aber das ist noch lange kein Grund, Pilates zum Frauensport zu erklären, wie das Eure Zeitungen machen! Ich habe damals viel nachgedacht, Jahrzehntelang geforscht und erprobt, als ich mein Trainingsprogramm entwickelte. Und es war gut so. ES macht stark. Und jetzt? Jetzt kämpfen all um den Ruf meiner tollen Methode! (Clara legt beruhigend die Hand auf seinen Arm, er schüttelt den Kopf und nimmt einen kräftigen Schluck Whiskey)

 

Aber stärken nicht auch andere Sportarten die Bauch- und Rückenmuskulatur?!

Ach Jott! Ja jaaa, Sport ist wunderbar für die allgemeine Konstitution, ich hab‘s ja auch gemacht. Ist aber von geringem Wert, wenn es darum geht, zu korrigieren, wenn etwas körperlich nciht stimmt. Und bei fast jedem Menschen stimmt was nicht. Korrigierende Übungen sind der einzige Weg, um einen schönen, starken und jugendlichen Körper zu formen. Und die Ärzte bestätigen mich darin.

 

Apropos Ärzte: Sie wurden 87 Jahre alt und starben an einem Lungenemphysem. Konnte es sein, dass Sie zu viele Zigarren geraucht haben? Und Sie trinken Whisky am Nachmittag ….wie passt das eigentlich zu ihrem Gesundheitsbewusstein?

(er steht betont langsam auf) Also wissen Sie was? Ich glaube, unsere Gespräch ist nun geendet! Clara, bring das junge Ding zur Tür! Good bye!

 

Jepp. Richtig. Genau. Dieses Interview ist natürlich frei erfunden. Aber wer weiß das schon, vielleicht hätte Joe auf die eine oder andere Frage so oder so ähnlich geantwortet.
Dieser Text basiert auf überlieferten Dokumenten und Zitaten von Joe Pilates sowie Erzählungen von Zeitgenossen.[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row]